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Druck machen inBRÜSSEL


#BL1#Mit Unterstützung des Partnerverbandes UEAPME (Union Eurpéenne de l'Artisanat et des Petites et Moyennes Entreprises, ein Dachverband, der auf EU-Ebene die Interessen des Handwerks und kleiner mittelständischer Betriebe vertritt) und dessen für den Lebensmittelbereich zuständigen Beraters Dr. Ludger Fischer kämpft der Deutsche Konditorenbund (DKB) vor allem gegen den Erlass einer neuen Vorschrift zur Deklaration allergener Zutaten in unverpackten Lebensmitteln. Anlässlich des Meinungsaustauschs mit Mitgliedern des Ausschusses für Umweltfragen, Volksgesundheit und Lebensmittelsicherheit des Europäischen Parlaments am 25. Februar 2010 in Brüssel kritisierte DKB-Präsident Gerhard Schenk im Namen der etwa 3000 Konditoreien in Deutschland den entsprechenden Vorschlag der EU-Kommission.

Schlicht nicht zu leisten

Als völlig überzogen lehnte Gerhard Schenk in einem nachdrücklichen Vortrag den Verordnungsvorschlag der EU-Kommission ab, demgemäß für lose Lebensmittel jeweils eine „Angabe der allergenen Zutaten zur Verfügung gehalten“ werden muss. Für die Verkaufstheke in der Konditorei und im Café setzt dies eine umständliche, zeitraubende und täglich zu aktualisierende Aufzählung voraus, welche der vierzehn Hauptallergene jeweils in dem betreffenden Tortenstück, Teegebäck, Dessert, Lebkuchen, Pralinen- und Confiserieerzeugnis verarbeitet wurden. Das ist besonders zu Ostern, Pfingsten, Weihnachten und Silvester bei einer Vielzahl von Saisonerzeugnissen, die keine Standardware sind, sondern Spezialitäten in kleinsten Stückzahlen, oft mit kreativen Abweichungen bei handwerklicher Herstellung mit der für Allergiker erforderlichen Vollständigkeit und Zuverlässigkeit nicht zu gewährleisten.

Es droht das Ende von Kreativität und Frische

DKB-Präsident Schenk unterstrich in der Diskussion mit den EU-Parlamentariern, eine derart bürokratische Verpflichtung zur Angabe allergener Zutaten in unverpackten Lebensmitteln werde das Ende der kreativen, abwechselungsreichen handwerklichen Herstellung frischer Konditorwaren bedeuten. Als negative Folgen nannte er den enormen Zeitaufwand zur Einhaltung der Vorschriften, vermehrten Personaleinsatz, zusätzlichen Papierkrieg, einen deutlich wachsenden Anteil gleichbleibender Standardware, sowie Scheu vor Produktneuheiten – aus Sorge, wegen unvollständiger Allergen-Angaben in die Haftung zu kommen.

Gerhard Schenk: „Wenn die Verordnung wie von der Kommission vorgeschlagen kommt, haben wir bald nur noch genormte Produkte, und das heißt dann Vielfalt ade. Es droht ein Einheitsbrei“, verdeutlicht der Präsident, dass dies der Philosophie und der Praxis des Konditorenhandwerks nicht gerecht wird kann. „Da können und werden viele gleich zumachen.“

In die gleiche Kerbe schlug Ehrenpräsident Otto Kemmer: „Der Artikel 6 muss raus aus der geplanten Verordnung. Klappt das nicht, sind die Läden dicht.“

Der Auftritt der Konditoren vor den EU-Parlamenatriern war geprägt von großer Leidenschaft. Nicht nur Gerhard Schenk, auch seine Mitstreiter, leisteten perfekte Überzeugungsarbeit. Angesichts der mitgebrachten Geburtstags- und Hochzeitstorten, der individuell zusammengestellten Teegebäck- und Pralinenmischungen war für die Parlamentarier augenfällig, dass Handwerklichkeit eben keine Standardware hervorbringt, die an die Deklaration nur geringe Anforderungen stellt. Das Konditorenhandwerk bindet seine Kunden vielmehr durch Kreativität, flexible Ausführung individueller Wünsche, einschließlich der Herstellung von Konditorwaren nach Rezepturen ohne Milch, Ei, auch ohne Mehl, wenn der Kunde dies wünscht. „Hier liegt die große Stärke unserer Meisterbetriebe“, so Gerhard Schenk. Ein weiterer Vorteil für den Verbraucher liegt darin, dass er in einer Konditorei Informationen über Verarbeitung allergener Zutaten in der Backstube unmittelbar vom Hersteller erhält – entweder über die Fachverkäuferin oder direkt vom Konditormeister.

Die Botschaft kommt an

Besonders eindrücklich bei dem gelungenen Auftritt: Die mühsam zusammengestellten Zutatenlisten für Pralinen- oder Teegebäckmischungen beeindruckten die Politiker sichtlich. „Das liest keiner, das will keiner – Sie auch nicht!“, so Gerhard Schenk – und stieß damit auf offene Ohren bei den Parlamentariern. Die outeten sich zum Teil als treue Kunden des Konditorenhandwerks und damit als Anhänger und Verfechter der kreativen Vielfalt.

Entsprechend stieß das Anliegen der Konditoren in Brüssel auf fruchtbaren Boden. Manfred Weber: „Der Mittelstand muss mitgestalten, muss auftreten. Danke für die Argumente!“

Dr. Renate Sommer: „Das Thema ist bei den C-Parteien weitestgehend verstanden. Andere Meinungen sind allerdings gegensätzlich. Und es ist so: Bei der losen Ware wird es eine europäische Regelung geben. Das ist ein Binnenmarkt. Wir dürfen in diesem Zusammenhang nicht zulassen, dass lose Ware gleich behandelt wird wie verpackte.“

Jo Leinen: „Der Kommissionsvorschlag ist völlig überzogen.“ Dank dieser Aussage können die Konditoren hoffen, dass Jo Leinen in ihrem sinne Einfluss nimmt auf seine sozialistische Fraktion – denn dort sitzen die Hardliner in Sachen Kennzeichnungsverordnung.

Informationen vorhalten

Eine Lösung scheint in Sicht: Der Vorschlag von EU-Parlamentariern der EVP-Fraktion, lose angebotene Lebensmittel von der Pflicht zur Angabe allergener Zutaten zu befreien, wenn Verbraucher im Ladengeschäft Informationen zu allergenen Stoffen im Verkaufsgespräch oder durch ausliegendes Informationsmaterial erhalten können, könnte für EU-Kommision und -Parlament tragbar sein – und er passt zum Handwerk. Präsident Schenk begrüßte daher den Vorschlag: „Unsere Kunden sollen im Verkaufsraum deutlich sichtbar auf diese Informationsquelle hingewiesen werden und ebenso auf die Möglichkeit von Kreuzkontaminationen mit allergenen Zutaten. Natürlich können wir das leisten, unsere Kunden kompetent über Inhaltsstoffe und Allergene informieren. Das tun wir ja heute schon, und in dieser Flexibilität liegt unser Erfolg.“ In der Tat: Wo kann man schon derart individuelle Produkte bestellen und erwerben wie beim Konditor? „Kundenwünsche zu erfüllen, das ist unsere Profession“, so Schenk. „Wenn wir das aufgeben müssen, sind wir weg!“

Dran bleiben

Die Beratungen gehen jetzt im Ausschuss für Umweltfragen, Volksgesundheit und Lebensmittelsicherheit in eine entscheidende Phase, weil dort nun über den Vorschlag für eine Lebensmittelinformations-Verordnung abgestimmt wird. In etwa acht bis zehn Wochen wird mit einer Beschlussfassung im Plenum des EU-Parlaments gerechnet.

Und dabei droht neue Gefahr, wie aus den Statements der Politiker herauszuhören war: Im Spruch ist eine Herkunftsbezeichnung der sieben wichtigsten Zutaten jedes Produktes. „Das geht ja gar nicht, wie sollen wir denn bei jeder Praline beispielsweise den Kakao deklarieren?“ Die Frage von Gerhard Schenk ist berechtigt – und so bleibt die Erkenntnis, dass die Konditoren dran bleiben müssen an der Lobbyarbeit. In Sachen „Allergene Stoffe“ ist man da auf einem guten Weg, aber „das ist längst noch nicht durch“, bleibt DKB-Hauptgeschäftsfüher Michael Peschke wachsam. Wolf-Andreas Richter


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